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Mediensysteme – mal ganz grundsätzlich

(Zusammenfassung der ersten Sitzung vom 24.3.2012)

Journalismus ist nicht gleich Journalismus. Die Produkte der Medien – Nachrichten, Reportagen, Interviews, etc. – sind indirektes Resultat eines Mediensystems, das eine bestimmte Art von Journalismus ermöglicht. Jede Gesellschaft erzeugt damit andere Ausformungen von Medien.

Mediensysteme wiederum sind komplexe Gebilde mit vielen Einflussfaktoren. Sie umfassen mehr als nur die Medien selbst (vgl. schlechtes Beispiel), sondern beinhalten auch politische, wirtschaftliche, juristische und technologische Aspekte. Ferner spielen auch Geographie und Sprache eine Rolle.

Nur ein paar Beispiele:
Politik: Eine autokratische Gesellschaft fordert andere – angepasste – Medien als eine Demokratie. Eine polarisierte Gesellschaft mit großen Konfliktthemen spiegelt sich im Journalismus anderes wider als ein soziales Gefüge, das auf Konsens bedacht ist.
Recht: Über die verfassungsmäßige Gewährleistung der Pressefreiheit hinaus gibt es weitere juristische Stellschrauben. Haben Journalisten ein Zeugnisverweigerungsrecht? Haben Behörden eine Auskunftspflicht? Können Journalisten strafrechtlich belangt werden? Aber auch: Haben Zeitungsverlage Sonderrechte ihre Produkte trotz Sonntagsfahrverbot für Lastwagen auszuliefern?
Wirtschaft: Die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise hat Auswirkungen auf Medien. Deutsche Zeitungsverlage leiden unter schwindenden Werbeeinnahmen, der Anteil des Verkaufserlöses am Gesamtumsatz hat sich vergrößert.
Technologie: Der Rundfunk ist ein gutes Beispiel: In Zeiten, in denen Frequenzen knapp waren, mussten durch Lizensierungsbehörden Genehmigungen für Rundfunkanstalten erteilt werden. Durch die Digitalisierung und die damit größere Anzahl der verfügbaren Kanäle muss sich die Lizenzierung wegentwickeln von einer simplen Verwaltung von knappen Frequenzen.
Geographie/Sprache: Es ist einleuchtend, das ein kleines Land wie Belgien (mit drei Sprachen) ein anderes Mediensystem hat als ein Land wie Russland (mit nur einer Sprache).

Es gibt verschiedene Modelle, um Mediensysteme zu kategorisieren. Eines der geläufigsten (und ältesten) ist „Four Theories of the Press“ von Fred Siebert, Theodore Peterson und Wilbur Schramm. Es unterteilt Mediensysteme entlang einer Klassifizierung von politischen Systemen in Autoritarismus, Kommunismus, Liberalismus und ein Wunschmodell der „Sozialverantwortung“. Entstanden 1956 bezieht es sich auf die Mediensysteme dieser Zeit (als der Rundfunk in den Kinderschuhen steckte und das Internet selbst bei Star Trek noch nicht erfunden war).

Auch modernen Theorien – wie der von Daniel C. Hallin und Paolo Mancini, die 2004 verschiedene Regionen identifizierten – werden dafür kritisiert, dass sie weite Teile der Welt nicht berücksichtigen.

Allen diesen Theorien ist zu eigen, dass sie vor allem das Verhältnis zwischen Politik und Medien beobachten. Kurz gesagt: Sind Medien Schoßhund oder Wachhund? Auch das könnte man kritisieren, wenn man der These zustimmt, dass die Politik in europäischen Demokratien inzwischen weniger Bedeutung hat als wirtschaftliche Akteure und deren Einflussnahme auf Medien.

Umfassender scheint da der Ansatz von Siegfried Weischenberg, 2004 plastisch als „Zwiebelmodell“ dargestellt. Weischenberg unterscheidet vier Sphären:  den Normenkontext (z.B. gesellschaftliche & historische Bedingungen), den Strukturkontext (z.B. politische oder wirtschaftliche Vorgaben), den Funktionskontext (z.B. die Darstellungsformen und Erzählweisen der Journalisten) und den Rollenkontext (Fokus auf die Journalisten selbst).

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